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Warum junge Unternehmen mit Beirat erfolgreicher sind

26.10.2020 - gate-Gründercoach Andreas Preen empfiehlt Startups einen Beirat. Warum junge Unternehmen mit Beirat erfolgreicher sind, zeigt er exemplarisch anhand von seinen eigenen Erfahrungen als mehrfacher Gründer und Unternehmer.

Mein Unternehmen, eine der ersten Digital-Agenturen Deutschlands, war damals ca. vier Jahre alt. Die Agentur war seit ihrer Gründung extrem schnell gewachsen. Wir haben jede Menge Pitches und Projekte gewonnen, sind aber mit der Umsetzung kaum hinterhergekommen, weil wir chronisch viel zu wenig Personal hatten. So schnell konnten wir zusätzliche Mitarbeiter*innen gar nicht einstellen, wie wir sie gebraucht hätten.

Ich wollte meinen Kund*innen damals, also lange bevor das Thema E-Commerce am Markt überhaupt relevant wurde, zeigen, wie ein Online-Shop aussehen und funktionieren kann. Und so haben wir für unseren Kunden Vodafone einen Muster-Shop entwickelt, um testweise Handys und Verträge online zu verkaufen. Wir haben den Shop konzipiert, designt, programmiert und schließlich auch in Betrieb genommen. Dafür habe ich zwei Praktikanten aus unserem IT-Entwicklungsteam abgezogen, was dort angesichts der hohen Auslastung überhaupt nicht gut ankam. Die beiden Praktikanten haben über den Shop sehr erfolgreich erste Handys und Verträge verkauft und wir hatten nach ein paar Monaten ein hervorragendes Referenz-Projekt für einen der ersten Online-Shops in Deutschland. Mein Ziel war also erreicht.

Doch damit fingen die Probleme erst an: Der Shop lief so erfolgreich, dass die beiden Praktikanten schon nach kurzer Zeit Unterstützung für die Auftragsabwicklung anforderten, weil sie statt nur weniger, plötzlich Hunderte von Handys verkauften. Gleichzeitig forderte das IT-Team immer lautstärker die beiden Praktikanten zurück, da diese für unsere IT-Projekte dringend benötigt wurden. Der Druck wurde von allen Seiten immer größer und so habe ich den Shop – dummerweise – wieder geschlossen. Die Umsetzung unserer Kunden-Projekte erschien mir damals wichtiger als das Betreiben eines Online-Shops. Und der hatte seinen Zweck als Vorzeigeprojekt schließlich bereits erfüllt.

Die Praktikanten kehrten also wieder ins IT-Team zurück und alle waren glücklich. Die URL des Shops, die wir nun nicht mehr brauchten, habe ich einige Monate später für ein paar Tausend Euro an ein Unternehmen verkauft, das großes Interesse daran hatte. Und dieses Unternehmen hat damit einen neuen Shop aufgezogen und innerhalb weniger Jahre ein sehr hohes EBIT erwirtschaftet. Dumm gelaufen.

Hätte ich damals eine*n gute*n Ratgeber*in oder Sparringspartner*in an meiner Seite gehabt, hätte sie/er mir mit Sicherheit geraten, den Shop einfach wie ein Startup auszugründen und dafür eine*n Geschäftsführer*in zu suchen, die/der ein Team aufbaut und das Ganze völlig unabhängig von der Agentur betreibt. Denn ausreichend Liquidität für die Ausgründung wäre vorhanden gewesen. So hätten wir ein weiteres erfolgreiches Unternehmen aufbauen können.

Ob ich mit Ende 20 bzw. Anfang 30 in meinem Erfolgsstrudel reflektiert genug gewesen wäre, um einer/einem Ratgeber*in, wie ich es heute bin, überhaupt zuzuhören, kann ich nicht sicher beantworten. Das will ich ganz offen zugeben. Was mich diese und ähnliche Erfahrungen aus mehreren Gründungen, schnellen Aufbau- und auch kritischen Phasen jedoch gelehrt haben, ist, dass ich damals viele Fehler hätte vermeiden können, wenn ich eine*n erfahrene*n Ratgeber*in als Sparringspartner*in oder Mentor*in an meiner Seite gehabt hätte.

Was sind die konkreten Vorteile eines Beirats?

Einem jungen Unternehmen bzw. erstmaligen Gründer*innen fehlt es zwangsläufig an unternehmerischer Erfahrung. Mit Produkt und Angebot kennen sie sich sicher hervorragend aus. Aber was passiert, wenn es darum geht, in einer schnellen Wachstums- oder kritischen Phase realistische Strategien zu entwickeln, Prozesse zu planen oder anzupassen, Teams neu zu strukturieren, die richtigen Führungskräfte einzustellen, Marketing und Sales oder das Controlling aufzubauen? Dann werden sie vielfach mit Fragen und Problemen konfrontiert, für die oft keine erprobten Lösungen parat sind. Genau hier kann eine Beirätin/ein Beirat ihr/sein externes Wissen und Erfahrungen einbringen.

Fehlt es den Geschäftsführer*innen an Erfahrung oder treten etwa in Sonder- und Krisensituationen Defizite zu Tage, kann eine Beirätin/ein Beirat unterstützen und konkret helfen. Außerdem kann sie/er wertvollen Input und Impulse bei der Entwicklung und Ausarbeitung der strategischen Unternehmensplanung geben. Sollte es zwischen den Gründer*innen und den Stakeholdern zu Differenzen kommen, kann eine Beirätin/ein Beirat zudem schlichtend und ausgleichend zu Seite stehen.

Wie wählt man den richtigen Beirat aus?

Der Schwippschwager, die Steuerberaterin oder Anwälte sind keine geeigneten Kandidaten. So viel ist sicher. Sie mögen in Ihren jeweiligen Fachbereichen gute Ratgeber*innen sein, eignen sich jedoch nicht als aktiver Beirat. Eine Beirätin/Ein Beirat sollte Erfahrung als Gründer*in und erfolgreiche*r Unternehmer*in mitbringen und möglichst breit aufgestellt sein.

Bei meiner Arbeit als Gründer-Coach erlebe ich immer wieder, dass sich ehemalige, sehr erfolgreiche Vorstände und Geschäftsführer*innen von großen Firmen bis hin zu Dax-Unternehmen als Beirat oder Aufsichtsrat bei Startups und jungen Unternehmen anbieten. Sicherlich verfügen diese über eine entsprechende Expertise und ein exzellentes Netzwerk. Ob sie damit aber einem noch sehr jungen Unternehmen wirklich nutzen können, darf bezweifelt werden. Denn in der Regel passen die Erfahrungen eines Vorstandes mit mehreren tausend Mitarbeiter*innen nicht zu den Problemen und Bedürfnissen eines wachsenden Unternehmens mit fünf bis 50 Mitarbeitern.

Besser ist es, das Branchen- oder Startup-Netzwerk zu nutzen, um erfolgreiche Unternehmer*innen gezielt anzusprechen. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Beirat, der selbst Unternehmer*in ist/war und ihr/sein Unternehmen mit eigenem Kapital und Risiko aufgebaut hat im Gegensatz zu jemandem, der dieses Risiko nie selbst eingegangen ist.

Der Beirat sollte demnach selbst Gründer*in sein und die Erfahrungen, die junge Unternehmer*innen gerade durchmachen, selbst erlebt haben. Im Idealfall sogar mehrfach, um eine entsprechende Expertise aufzubauen. Sie/Er sollte alle Phasen eines schnellen Wachstums, aber auch kritische Phasen mitgemacht haben und wissen, was es bedeutet, wenn die Liquidität mal eng wird. Vor allem die Persönlichkeit muss zum Unternehmen passen: sie/er sollte Führungsstärke mitbringen, um auch in schwierigen Situationen klare Entscheidungen treffen zu können. Jemand, der bereits in derselben Branche oder mit einem ähnlichen Geschäftsmodell erfolgreich ist, eignet sich besser als ein*e branchenfremde*r Unternehmer*in.

Was darf ich von einer Beirätin/einem Beirat erwarten?

Die Beirätin/der Beirat sollte in erster Linie Ratgeber*in für die/den Unternehmer*in sein. Im Idealfall ist sie/er Sparringspartner, Ideengeber*in und Vertrauensperson.

Ich nehme meine Tätigkeit als Beirat beispielsweise als etwas sehr verantwortungsvolles wahr. So arbeite ich z.B. nur für und mit Unternehmern, die mir offen und ehrlich gegenübertreten. Damit im Rahmen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit die Bereitschaft für nötige Veränderungen entstehen kann. Als Beirat bin ich sehr direkt und fordernd, analysiere Probleme und hinterfrage immer wieder den Status Quo, dass Lösungen entwickelt und auch umgesetzt werden. Auf diesem Weg sind bei mir über die Jahre als Beirat und Aufsichtsrat viele gute persönliche Beziehungen und Freundschaften entstanden.

Wie soll die Beiratstätigkeit vergütet werden?

Die Tätigkeit als Beirat ist kein Ehrenamt, sondern Arbeit! Daher sollte sie auch entsprechend vergütet werden. Ihr solltet mit der Beirätin/dem Beirat abstimmen, in welchem Umfang ihre/seine Unterstützung benötigt wird. Z.B. 4x im Jahr fixe Beirats-Meetings, 1x pro Jahr Teilnahme am Strategie-Workshop, monatlicher oder 14-tägiger Call und jederzeitige Erreichbarkeit für Fragen und kurze Abstimmungen. Schnürt daraus ein Paket mit einer Pauschale für das gesamte Jahr. Junge Unternehmen sollten mit einem Tagessatz von 1.000 € rechnen. Die Kosten für ein Jahrespaket sollten dann ca. 6.000 € betragen. Die Abrechnung kann quartalsweise erfolgen.

In welchen Bereichen kann eine Beirätin/ein Beirat helfen?

Zusammengefasst benötigen Unternehmer*innen vor allem in den folgenden Bereichen Unterstützung. Hier kann eine Beirätin/ein Beirat entscheidende Hilfestellungen und Anstöße geben.

Aufbau der Unternehmensstruktur:

  • Geschäftsmodell
  • Unternehmensführung
  • Unternehmensstrukturen
  • Teamaufbau & Human Resources
  • Strukturierung von Finanzen & Controlling

Aufbau der Unternehmensprozesse:

  • Geschäftsprozesse
  • Vertriebsprozesse
  • Verwaltung & Organisation
  • Personalauswahl

Marketing & Sales:

  • Strategie/Positionierung
  • Maßnahmenplanung
  • Branding, PR, Social Media
  • Messkriterien

Autor:
Andreas Preen
Gründer und Unternehmer, Aufsichtsrat, Beirat und Gründercoach im gate

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